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Wie vor 35 Jahren...

Heute hatte ich meine erste Traumatherapiesitzung bei Frau Susanne. Sie hat Ausbildungen in Somatic Experiencing und Focusing. Als ich im Wartezimmer saß, kam pure Verzweiflung hoch: So viel Hoffnung hatte ich gehabt, als ich mit ihr telefoniert hatte, so viel Hoffnung. Nun saß ich da in einem Altbau mit kaltem Wartezimmer, bibbernd und enttäuscht. Ich fühlte mich nicht wohl.

Als mich Frau Susanne dann jedoch in ihr Behandlungszimmer einlud, hob sich meine Stimmung. Zartgrüne Vorhänge, ein liebevoller Engel auf ihrem aufgeräumten Schreibtisch, sorgfältig eingeräumte Bücherregale, zwei fröhliche Teetassen auf einem Tischlein zwischen zwei Natursitzen, zwei Salzkristallleuchten. Alles wirkte warm, liebevoll und einladend.

Die Therapiestunde war zunächst recht aufwühlend. Zu groß mein Bedürfnis mich auszuheulen. Frau Susanne bremste mich ein wenig ein. Es sei wichtig, die Ressourcen zu heben, bevor man an das Traumamaterial herangehe, man könne dies sonst nicht integrieren. Wie bei einer 8 würden man hin und her pendeln, vom guten zum schlechten und wieder zurück. Mir war ja schon am Wochenende klar geworden, dass ich nicht wirklich viele Ressourcen habe. Mein ganzes Leben lang habe ich funktioniert, mich über andere definiert, über meine Arbeit, meine Leistung, meinen Erfolg (oder Misserfolg), über Männer. Ich habe nie wirklich etwas für mich getan, weil ich es nur für mich wollte, weil ich mir etwas gutes tun wollte. Niemals.

Ich erzählte Frau Susanne davon. Aber auch davon, dass ich gestern für ein paar hundert Euro Einkäufe im Internet getätigt hätte: einen Plüschdinosaurier, der mich an Littlefoot erinnert, eine Bergkristalllampe, Primavera Duftöle, Bücher, ein Bild für meine Küche, damit mich die nicht immer so an meinen Ex erinnert. Irgendwie ist es ja peinlich, dass ich mir ein Plüschtier kaufe, aber im Moment gibt es nichts "erwachsenes" was mir Freude macht. Ich kann kein TV sehen, keine Erwachsenen-Bücher lesen, keine Erwachsenen-Dinge tun. Ich mag das alles nicht, es erinnert mich nur an meine Wunden. Frau Susanne bestätigte mich darin - ich konnte es nicht glauben! Alles was mir gut täte, egal was. Schritt für Schritt zurück in die Stabilisierung, das sei zunächst das wichtigste. Ich freute mich wie ein kleines Kind.

Und wie ein kleines Kind, wie vor 35 Jahren, mache ich mir jetzt Schritt für Schritt ein Mosaik aus kleinen Ressourcen. Ob Plüschtier oder Kinder-Schokolade - an irgendeiner kleinen Stelle muss diese kleine Pflanze, die ich innerlich bin, langsam anfangen zu wachsen und zu gedeihen.

Lieber spät als nie.

23.1.17 16:09, kommentieren

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Ein neuer Tag

Ein neuer Tag hat begonnen. Eine neue Woche hat angefangen.

Die letzten zwei Tage waren wieder hart. Die Wochenenden sind immer hart. Es passiert nicht viel und ich bin alleine mit mir selbst und meinen Gefühlen und Gedanken. Mehrere Male kamen Panikattacken hoch. Immer wieder dieses Gefühl der Unerträglichkeit. Ich habe noch nicht richtig gespürt, worauf sich diese Unerträglichkeit bezieht. Auf das Gefühl ungeliebt zu sein? Oder das Gefühl, dass mir nicht zu helfen ist?

Gestern habe ich in Peter Levines Buch "Sprache ohne Worte" gelesen. Über das Einfrieren der Gefühle. Ich spüre auch bei mir dieses Eingefrorensein, wie erstarrt und fest. Kein Fluss der Gefühle und der körperlichen Empfindungen. Ich habe auch gelesen, wie wichtig die eigenen Ressourcen sind für die Genesung. Ich habe versucht mich daran zu erinnern, was meine Ressourcen sind, wann ich mich in meinem Leben gut gefühlt habe. Ich konnte nicht viel finden. Die meiste Zeit in meinem Leben habe ich mich leer, fremd, wie abgetrennt und haltlos gefühlt. Auch von außen betrachtet schöne Erlebnisse sind nicht intensiv in mich eingedrungen, so als wenn ich gar nicht richtig dabei gewesen wäre. Aber ich habe zwei Gedanken gefunden, die mich ein wenig beruhigen und besser fühlen lassen: einmal der Gedanke an einen Hund, der einer Bekannten gehört und der so lieb und schnuffig ist, dass mir, wenn ich an ihn denke, irgendwie ein wenig das Herz aufgeht. Und dann noch der Gedanke an Littlefoot, den kleinen Dinosaurier aus "In einem Land vor unserer Zeit", den ich als Kind so ins Herz geschlossen hatte. Ich stelle mir dann immer vor, wie er fröhlich und pummelig durch eine Blumenwiese hüpft oder mit mir auf einer Schaukel sitzt. Auch das bringt mich vage zum Lächeln.

Ansonsten sind alle anderen Erinnerungen, Gegenstände, Orte oder Menschen irgendwie nicht unbelastet. An den allermeisten hängen auch negative Gefühle. Es kann aber auch sein, dass ich die positiven nicht wirklich spüre.

Ich habe mich sehr alleine gefühlt gestern. Irgendwann dachte ich, dass mir keiner helfen wird, Ressourcen zu schaffen, wenn ich es nicht selber tue. Ich zwang mich dazu meine Wohnung ein klein wenig aufzuräumen. Ich beduftete mit Primavera "Harmony" meine Wohnung, machte mir einen Brennnesseltee und ließ mir ein Kräuterbad ein. Als ich in die Wanne stieg, während im Hintergrund beruhigende Musik lief (https://www.youtube.com/watch?v=MNJDn8VcZ9Q), die Wärme spürte, wie sie meinen abgemagerten und schwachen Körper umspülte, spürte ich eine große Traurigkeit hochkommen. Mein Leben lang habe ich mir Liebe von außen gewünscht, eine in mir ruhende Liebe für mich selbst habe ich nie gespürt. So habe ich auch nie etwas aus Liebe zu mir selbst getan. Mir selbst etwas gut tun fühlt sich so falsch an, als wenn ich es von mir nicht annehmen könnte, als ob ich es nicht verdient hätte. Irgendwie dringen selbst-wertschätzende Handlungen nicht in meine Seele. Und trotzdem habe ich nach einigen Tränen etwas loslassen können. Ich begann es zu genießen wie es mir ging in der Wanne. Der Kräuterduft des Badeöls, die Wärme des Tees, wie sie in meinen Bauch floss.

Danach machte ich mich recht schnell bettfertig. Ich stellte eine Kerze auf und las noch etwas in Levines Buch. Seltsamerweise, obwohl es mir körperlich etwas besser ging, spürte ich verstärkt Zuckungen und ein Bitzeln, vor allem in meinem rechten Bein. Es bildete sich wie eine Art anschwellender Knoten in meinem rechten Gesäß, so als ob dadurch die Nerven abgetrennt würden und bis zum Fuß hinunter die kleinen Nerven zu bitzeln anfingen. Ich weiß nicht, ob mein Körper damit etwas sagen will, was nicht eine körperliche sondern eine seelische Ursache hat. Aber auch in meinem Gesicht gab es Pochen und leichten Schmerz.

Im Körper ist alles gespeichert, was wir jemals erlebt haben. Und nur durch den Körper lässt sich die durch unsere Erlebnisse entstandene Energie wieder ableiten. Diese Energieentladung kann leise, fast unmerklich von statten gehen oder eruptiv in großen Wellen. Schön sieht man das in folgendem Video: https://www.youtube.com/watch?v=eT4060GeodI

Das, was der Eisbär unwillkürlich von sich abgibt, ist die durch die Schocksituation aufgestaute Energie. So sollte es bei uns Menschen auch sein. Die Reflexe und instinktiven Reaktionen von uns Menschen jedoch werden überlagert von unserem neokortikalen Denken, eine natürliche Abreaktion kann so nicht erfolgen. Diese gilt es in der Traumatherapie nachzuholen, den Fluss der Energie im Körper wieder anzuregen und so die Energie wieder beweglich zu machen.

Aber ich frage mich, ob es bei mir so einfach sein wird. Mein Trauma ist nicht nur ein Schocktrauma. Die Retraumatisierung nach der Trennung hat zwar schwere Panikattacken verursacht, ich habe Todesangst gefühlt und das Gefühl gehabt, dass ich nicht mehr weiterleben kann, wenn mich dieser Mann nicht liebt. Es gibt bei mir noch einen anderen Aspekt. Ich suchte immer schon Liebe, hatte schon immer Angst vor dem Verlassenwerden. Irgendwann wurde ich in meiner frühen Kindheit verlassen, emotional alleine gelassen. Wenn Kinder emotional verlassen werden, können sie sterben. Experimente in den 60er Jahren haben dies bestätigt. So ähnlich muss das bei mir abgelaufen sein. Und weil dieses Gefühl sterben zu müssen so unerträglich ist, habe ich es abgespalten. Durch die Trennung ist es wieder hochgekommen, wenngleich ich es nicht vollständig fühlen konnte. Meine Abwehrmechanismen, mein Widerstand waren zu stark.

Heute Mittag habe ich einen Therapietermin. Frau Susanne sehe ich heute das erste Mal. Die Telefonate waren sehr angenehm. Ich bin sehr gespannt. Sie hat Focusing und Somatic Experiencing gelernt und meinte auch mit Bindungs- und Entwicklungstrauma Erfahrung zu haben.

Morgen beginnen dann meine Neurofeedback-Sitzungen. Auf diese bin ich auch schon sehr gespannt. Bei Bindungstrauma sollen diese auch anschlagen. Aber ich habe auch Angst, dass dies bei mir nicht der Fall sein wird. Ich habe so große Angst, dass bei mir gar nichts wirklich anschlägt und ich für immer dieses Leben ohne Liebe führen muss.

23.1.17 08:28, kommentieren