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Im Keller der Seele

Es ist Samstag, halb zehn Uhr morgens. Mein Blick geht nach außen durch mein Wohnzimmerfenster, zur sonnenbeschienenen Nebeldecke, die sich um die schneebedeckten Hausdächer legt. Rauch steigt aus Schornsteinen hoch.

Der Morgen war wieder finster. Aufgewacht bin ich um etwa sieben Uhr. Gedanken kommen hoch, die Panik verursachen, Schmerz, Traurigkeit. Ich weinte und schrie wieder, wie ein kleines Kind. Mein Körper ist inzwischen immer erschöpfter. Trost spenden die Zigarette und die heiße Tasse Kaffee, die ich, eingepackt in eine dicke Decke, auf einem Plastikgartenstuhl im Garten rauche. Nein, es ist nicht wirklich Trost, eher so etwas wie Beruhigung.

Die letzten Monate waren gefüllt und dramatisch. Viele Erkenntnisse und viel Leid haben diese Zeit geprägt. Mitte Oktober 2016 bin ich nach einer Trennung von einem Mann, den ich kaum kannte, aber in den ich mich sehr verliebt hatte, in eine schwere Krise gefallen. Es ist dies bereits die dritte dunkle Nacht der Seele, die ich erlebe. Früher glaubte ich immer, ich sei zu sensibel um mit Trennungen klar zu kommen. Inzwischen weiß ich es besser:

Ich habe ein Trauma.

Irgendwann in meiner frühen Kindheit, vielleicht direkt nach meiner schweren Geburt, wurde ich traumatisiert. Mein Organismus wurde in einen Schockzustand versetzt, der mich meine Gefühle hat abspalten lassen, weil die Gefühle, die das traumaritisierende Ereignis in mir auslösten, nicht ausgehalten werden konnten. Seither bin ich wie erstarrt, eingefroren, dissoziiert. Mein Körper ist wie betäubt und die Gefühle, die ich fühle sind vage und trotzdem unerträglich.

Mein Trauma ist die Verlassenheit, die ich einstmals spürte. Für ein Kind bedeutet emotionales Verlassensein den Tod. Experimente in den 60er Jahren bewiesen, dass Kinder sterben, die emotional verlassen sind - ohne Liebe und Bindung kann ein Kind nicht überleben.

Als mich der Mann im Oktober verließ, spürte ich existenzielle Angst. Panik, sterben zu müssen, schlug wellenartig auf mich ein. Wie hinter einer Milchscheibe nahm ich das äußere Leben wahr. Es war die gefühlte Vernichtung meines Selbst, der Fall in einen Abgrund ohne Boden. Den Schmerz der Verlassenheit habe ich nur erahnt. Ich habe ihn nicht ganz gespürt, zu stark und schnell habe ich mich wieder kompensiert. Hätte ich ihn gespürt, hätte ich vielleicht mein Trauma gelöst. Mike Hellwig schreibt hierüber in seinem Buch "Traumabehandlung durch radikale Erlaubnis". Es hätte aber auch sein können, dass ich wieder retraumatisiert worden wäre. Wir werden es nie erfahren. Ich habe den Schmerz nicht gespürt.

Jetzt stecke ich in einem Körper, der wieder etwas beruhigter ist. Aber er ist auch unter hoher Anspannung, wie erstarrt. Wenn ich morgens aufwache ist es am schlimmsten: Dann kommen die Gefühle der Angst, Trauer, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und des Allein- und Ungeliebtseins wie auf einen Schlag hoch. Aber sie sind vage, ich kann sie nicht in meinem Körper festmachen. Ich fühle es, aber ich spüre es nicht.

Nach solchen Nächten möchte ich eigentlich nur nicht mehr sein. Das Leben scheint perspektivlos. Für immer ohne Liebe sein. Keine Liebe für mich selbst und keine Liebe für andere und von anderen. Ich kann mir dann einfach nicht vorstellen, dass ich es spüren und fühlen kann: mich selbst zu lieben.

Aber heute habe ich entschieden, dass es nicht der Weg ist, dem Leben zu entfliehen, um das Leid zu beenden. Der Weg ist diesen Weg zu gehen, mit allem, was mir begegnen wird. Es mag sein, dass ich niemals in meinem Leben echtes Glück, echte Freude und echte Liebe verspüren werde. Es mag aber auch sein, dass es mir irgendwie gelingt, dies doch zu erleben.

Auf diesen Weg zur Selbstliebe werde ich mich nun begeben.

21.1.17 09:42, kommentieren

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